goraksasatakam

Goraksa-Satakam: die frühe Lehrschrift des Hatha-Yoga

Das Goraksa Satakam (GoS) ist eine der frühesten überlieferten Hatha-Yoga-Schriften der Natha-Kultur aus dem 12-13. Jhd und Grundlage nachfolgender. Sie wird zwar dem großen Yogi Goraksa zugeschrieben, der als Schüler des Matsyendranath eventuell im 10. Jhd., vielleicht aber auch deutlich früher lebte. Doch entstand die Schrift wahrscheinlich erst im 12.-13.  Jahrhundert, zu einer Zeit, als auch die fünf den Kundalini-Yoga beschreibenden Yoga-Upanishaden verfasst wurden. Viele der späteren bis ins 18. Jhd. reichenden Hatha-Yoga-Schriften, wie z.B. die bekannte Hathapradipika greifen immer wieder Passagen daraus auf. Die wohl ursprünglich 100 („sataka“) Verse wurden später um weitere 100 ergänzt, dann als Gorkasa-Paddahati bezeichnet.

Die Lehrschrift für den praktizierenden Schüler beschreibt einen sechsfachen Yoga-Pfad. Damit entspricht sie dem 700-1000 Jahre früher verfassten, klassischen Yoga-System des Patanjali, wenn man annimmt, dass die ersten beiden moralischen Stufen Yama und Niyama für Yoga-Schüler eine selbstverständliche Voraussetzung waren, um von einem Guru angenommen zu werden. Und doch entwickelt das GoS ganz in der Tradition des Hatha-Yoga-Weges auch die höheren Stufen des („Raja“) Yoga, dharana (Konzentration), dhyana (Meditation) und samadhi (Vereinigung) aus der Arbeit mit dem physischen Körper und insbesondere dem Energie-Körper (sukshma sharira) und deren Transzendierung. Daher werden nach einer knappen Nennung der yogischen Ziele (hier ganz an der brahmanisch-upanischadischen Selbstverwirklichung oder Nicht-Zweiheit orientiert) auch von den 840.000 Asanas (yogische Körperhaltungen, 3. Stufe) nur zwei wichtige beschrieben. Die zu deren Vervollkommnung benötigten anderen Asanas lernte der Schüler ohnehin von seinem Guru. Viel Raum wird der Beschreibung der inneren yogischen Anatomie (Adharas, Chakren, Nadis, Kandas) sowie der Vayus (Pranas, Lebenshauche) gewidmet, über die ein Schüler Kenntnisse benötigt. Und schließlich wird ausführlich der Hauptteil des Hatha-Yoga, die Kontrolle des Vayu (Prana) und der geweckten Kundalini-Energie durch Pranayama (4. Stufe) beschrieben.

Die Kontrolle von Prana (und auch von Bindu) und letztlich des gesamten physischen Organismus ist das erforderliche Hilfsmittel um im Weiteren das Denken stetig zu machen und unter vollkommene Kontrolle zu bringen. Erst dann wird es möglich, den Strom der mentalen Aktivitäten umzukehren, so dass er sich letztendlich im höchsten Selbst verliert.

Pratyahara (Rückzug der Sinne) wird aus der Bewahrung des Nektarstromes aus Vyoma-Cakra vor dem Verbrennen im Manipura-Cakra entwickelt. Damit erhält man wertvolle Hinweise zu der in anderen Schriften kaum erläuterten 5. Stufe und wie sie nach Art des traditionellen Hatha-Yoga mithilfe von Vipariakarani (umgekehrte Stellung, Kopfstand) geübt werden kann. Knapp die Hälfte der 100 Verse erläutern dann die höheren 3 Stufen der Konzentration (Gedankenkontrolle), Meditation und der Vereinigung mit dem Absoluten auf der Basis der verwirklichten vorherigen Stufen des Zurückhaltens von Prana und Bindu.

Für heutige Schüler kann diese frühe Schrift des Hatha-Yoga den Blick auf das Wesentliche lenken helfen. Es geht nicht allein um Beweglichkeit oder körperliche Fitness und Gesundheit, auch stehen die Asanas nicht als zentrales Element im Hatha-Yoga, wie dies vielleicht in vielen modernen Yoga-Richtungen der Fall ist. Der traditionelle Hatha-Yoga zielt ab auf ein Aktivieren, Verstärken und Lenken der subtilen und intelligenten Energie (Kundalini) welche in unserem Körper schlummert. Er lässt uns diese Kraft erfahren und formt unseren Körper und Geist um und transzendiert ihn. Durch diesen Prozess entwickelt sich ein immer weiter werdendes Bewusstsein.

Das Transzendieren des begrenzten Bewusstseins ist immer Ziel des echten Yoga. Der traditionelle Hatha-Yoga weist uns diesen Weg, in dem er unseren Körper als das feine und äußerst subtile Instrument, das er ist, einsetzt. Mit den Füßen auf der Erde fest verankert wachsen wir in die Sphären des absoluten Seins.

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